Dr. Jeannot Muller

Nehmen wir an wir besitzen einen Teich. In diesem gibt es eine Seerose, und aus jeder Seerose entsteht einmal am Tag eine neue Seerose. Wir erinnern uns an unsere Schulzeit: am zweiten Tag haben wir also zwei Seerosen, am dritten Tag haben wir vier, am vierten Tag acht usw.

Nehmen wir zusätzlich an, dass es 96 Tage Zeit braucht, bis der gesamte Teich mit Seerosen bedeckt ist.

Frage: "Wie lange dauert es bis der Teich zur Hälfte mit Seerosen bedeckt ist?"

Antwort: 95 Tage und DAS ist das Problem mit exponentiellem Wachstum und somit mit Epidemien. Am 90sten Tag wird man die Seerosen noch kaum wahrnehmen. Und wenn man sich jetzt noch vorstellt, dass sich bestimmte Seerosen "unsichtbar" (in SARS-COV-2-Sprache: symptomlos) reproduzieren könnten, dann wäre die Überraschung an Tag 95 noch größer.

Am 22. Februar 2020 hatte Italien 11(!) bestätigte Fälle. Wie exponentielles Wachstum (auch ohne Seerosen) funktioniert, sehen wir heute, 17 Tage später:

Ersetzen wir nun unseren Teich durch das intensivmedizinische Gesundheitssystem und die Seerosen durch COVID-19 Patienten, die eine solche Behandlung benötigen. Spätestens jetzt sollte eigentlich jeder kapieren, warum es so wichtig ist, den "big bang" zu entschärfen und das "Wachstum" zu verzögern.
In Italien ist das nicht gelungen und es ist der Grund, wieso es leider mehr Patienten in kritischem Zustand gibt, als es Behandlungsplätze gibt:

Italian doctor at heart of illness shares chilling coronavirus thoughts
An Italian doctor at the heart of the coronavirus outbreak that has placed the country under lockdown has painted a grim picture of the deadly illness.

Die sehr gute Nachricht, dass SARS-COV-2 Infektionen in den allermeisten Fällen problemlos ablaufen (oft sogar fast symptomlos) ändert nichts an dem oben genannten Rechenbeispiel – nein, es verschärft es.

Wir müssen das Bild lediglich ändern und die Seerose steht nun für COVID-19 Patienten im kritischen Zustand. Da wir noch keine Mittel haben die Seerosen zu zerstören, besteht der einzige Weg darin Zeit zu gewinnen und zu vermeiden, dass unser Teich zu schnell zuwächst.

Der Versuch die Seerosen umzutopfen (Quarantäne) ist in China und in Italien kläglich gescheitert. In allen anderen Ländern tickt die Bombe noch und man sollte nicht sorglos auf ein Wunder an Tag 95 hoffen.

Da der Teich nun früher oder später zuwachsen wird, müssen wir die gefährdete Zielgruppe unterstützen (also diese aus dem Teich isolieren). Das gelingt aber nur, wenn wir alle dafür Sorgen, dass sich die Risikogruppen auch selber schützen (können und wollen). Es ist also ein schlechter Ratgeber, wenn Fußballfans die "Geisterspiele" nun in die schlecht belüftete Kneipe verlagern würden und die Risikogruppen auch noch freiwillig dort hingehen.

Vor allem sollte niemand ignorieren, dass man selber nicht weiß, ob man vielleicht, durch eine noch nicht diagnostizierte Erkrankung, auch zu einer Risikogruppe gehört.

Es gibt keinen Grund für Panik. Die allermeisten von uns werden diese Infektion völlig unbeschadet und munter überleben. Aber wir haben eine moralische Verantwortung gegenüber den Risikogruppen. "Think different" – das bewährt sich oft. Hier ein konstruktiver Vorschlag, der auch umsetzbar wäre, bis runter auf die unterste Ebene (z. B. für Gefährdete regelmäßig mit einkaufen , usw.):

Streit um Corona-Strategie: Kreise fordern Kurswechsel bei Corona
Der kommunale Spitzenverband Landkreistag fordert von der Politik einen Kurswechsel beim Umgang mit Corona: Weg vom Versuch, die Erkrankungswelle einzudämmen, hin zum konzentrierten Schutz von gefährdeten Personen.

Großeltern müssen verstehen, dass sie die potenziell "still" infizierten (also symptomlosen) Nachkommen leider eine Zeit lang nicht sehen können, und dass Reisen für ältere Menschen und Risikopatienten derzeit nicht die intelligenteste Idee ist. Umgekehrt darf für berufstätige Eltern, bei geschlossenen KiTas, nicht die einzige Lösung darin bestehen Ihre Kinder an die ältere Gesellschaft weiterzureichen.

Ebenso könnte man Risikopatienten und ältere Menschen vorsorglich von der Arbeitspflicht befreien, wenn Homeoffice nicht möglich ist. Auch in einer alternden Gesellschaft ist das in 2020 noch machbar.

Wobei alles relativ ist (auch in der Statistik):

Das hilft nur den Risikopatienten nicht. Das Traurige an Italien ist die Situation, dass Menschen sterben müssen, die potenziell eine mehr als realistische Überlebenschance hätten, wenn das Gesundheitssystem nicht im Chaos versinken würde.

Ein individuell sehr geringes Risiko gepaart mit der schnellen Ausbreitung und der erhöhten Mortalität, weil man nicht mehr helfen kann, ist die Tragik von COVID-19 und daraus resultiert die Forderung an die Gesellschaft zusammenzustehen und den Egoismus zu überwinden. Die Politik kann das nicht alleine richten, nur die individuelle und kollektive Vernunft.

Die Spaßgesellschaft, in der Egoisten noch munter an Ihren nächsten Plänen für Erholungsreisen festhalten, muss sich ein paar unangenehme Fragen gefallen lassen:

  • Macht es Sinn Infektionsmittel zu Hause zu horten und Risikopatienten zu enthalten, anstatt den RKI-Empfehlungen für eine Handhygiene zu folgen?
  • Muss ich versuchen schlauer zu sein als anerkannte Virologen? Nur weil ich denke, dass ich zu keiner Risikogruppe gehöre?
  • Muss ich, nur weil ich symptomlos oder nichtinfiziert bin, potenzielle Risikopatienten einer Gefahr aussetzen?
  • Wie können wir die Risikogruppe unterstützen, sodass diese sich ohne zu große negativen Auswirkungen schützen kann? Das ist besonders wichtig für den Teil der Risikogruppe, der noch in Lohn und Arbeit steht. Da sich nach jetzigem Stand noch sehr viele infizieren werden, wäre es meines Erachtens besser zu versuchen die Risikogruppen zu isolieren und zu unterstützen.
  • Wie kann das noch vorhandene Zeitfenster optimal genutzt werden, um optimal für den Tag X vorbereitet zu sein?
  • Ist es sinnvoll die Gesetzmäßigkeiten der Biostatistik zu ignorieren?
  • Kann ich Kundenbesprechungen nicht durch Telefonate oder andere Medien ersetzen?
  • Können wir nicht ein paar wenige Wochen auf Feste, Kinobesuche, Familienfeiern und unwichtigen Reisen verzichten?
  • Wie können die Medien die Risikogruppen gezielter informieren (Ein Zählen der Infektionen wird spätestens im vierstelligen Bereich langweilig und irrelevant)?
  • Wie bekommen wir es hin über Fakten zu sprechen und Entscheidungen von den Verantwortlichen so zu erklären, dass sie jeder versteht (es macht keinen Sinn einen Symptomlosen negativ auf Corona testen zu lassen, der übermorgen Symptome hat und positiv ist)?
  • Wir müssen vermittelt bekommen, dass die Gruppe der Risikopatienten sich nicht nur auf Lungengeschädigte beschränkt, sondern alle Menschen mit chronischen und akuten Vorerkrankungen dazu gehören. Insbesondere die Immungeschwächten und Patienten mit bekannter Beeinträchtigung der Herz- und Kreislaufsystems sind besonders gefährdet.

Der Schutz der Risikogruppen ist jedenfalls wichtiger als die Befürchtung, dass es zu einem Engpass in der Klopapierversorgung kommen könnte. Dass die Fallzahlen in China anscheinend heruntergehen ist erfreulich, aber für die biostatistische IST-Situation in den neu befallenen Ländern irrelevant.

Die Analyse von 2 Clustern von Coronavirus-Fällen (in Singapur und China) ergab, dass 48-77 % der Übertragung von Mensch-zu Mensch innerhalb der Serie während der asymptomatischen Periode (Inkubationszeit) der Krankheit stattfand. Das heißt, die erste Person, die mit Coronavirus infiziert war, hat die Krankheit auf die nächste übertragen, bevor in 48-77 % der Fälle irgendwelche Symptome aufgetreten sind.

Die Geschwindigkeit der Verbreitung dieser Pandemie ist das eigentliche Problem, da dadurch wesentlich mehr Risikopatienten gefährdet sein werden, als bei den bekannten viralen Epidemien.

Auch die "Spanische Grippe", die sich wegen der desaströsen Folgen des Ersten Weltkrieges nicht ins kollektive Gedächtnis gebrannt hat, wirft heute noch mehr Fragen als Antworten auf: siehe hier.

Selbst mit unser deutlich fortgeschritteneren Medizin, stehen uns bei viralen Infekten vergleichsweise wenige, therapeutische Ansätze zur Verfügung, neben der rein symptomatischen Unterstützung. Die Möglichkeit, dass es eine Impfung in Zukunft geben mag, ist in der akuten Phase auch irrelevant.

Sehr blöd, dass man bei solchen Themen keine Zeit hat (Morbus Germany). Wir verfolgen die konventionellste. mögliche Strategie, wahrscheinliche Fälle basieren nur auf die Reise- und Kontakthistorie mit bestätigten Fällen. Natürlich ist das nutzlos, da der Erreger schon bei Symptomlosigkeit übertragen werden kann. Die Gesellschaft zahlt heute schon den Preis für diese Strategie. Zynisch könnte man behaupten, dass man es einfach in Kauf nimmt, dass die Risikogruppen, wie in Italien, suboptimal oder gar nicht versorgt werden (können).

Wir machen uns vielleicht keine Sorgen, weil wir sehr wahrscheinlich zu einer Gruppe mit geringem Risiko gehören, aber wir können die Krankheit auf andere übertragen, bevor wir erkennen, dass wir selbst schon infiziert sind. Unter diesem Aspekt sind die jetzigen staatlichen Einschränkungen (noch) ein Witz und jeder sollte selber überlegen, was er dazu beitragen kann eine Übertragung des Virus zu erschweren.